Casinos. Zwischen Himmel und Hölle.

Von Marc Baumann, CEO Swiss Casinos [Publiziert in DU-Magazin 915, Juli 2022]


Als ich 2014 Direktor des Casinos Zürich wurde, schrieb mir mein damals 25jähriger Sohn einen langen Brief. Er hatte gerade Dostojewskis Roman «Der Spieler» gelesen. Es ist die Geschichte von Gier, Intrigen, Schulden und auswegloser Spielsucht. Der moralische Kompass meines Sohnes schlug aus.


Ich habe daraus gelernt, dass wir über Casinos reden müssen. Wenn neue Mitarbeitende in unser Unternehmen eintreten, gehört Auseinandersetzung mit dem Image der Casinos zum Einführungsprogramm. Wie auch ich, werden sie in der Familie oder im Freundeskreis mit moralischen Bedenken konfrontiert. Woher kommen diese Vorbehalte? Ein Blick zurück erzählt uns eine bewegte Geschichte.


Giacomo Casanova und die Dogen von Venedig. Der Anfang.

Angefangen hat alles im Venedig des frühen 17. Jahrhunderts, damals eine mächtige, aber auch dreckige und übelriechende Stadt. Die venezianischen Nobili bewohnten ihre Palazzi am Rande des Zentrums. Um ihre Amtstracht auf dem Weg zum Dogenpalast nicht zu beschmutzen, erwarben sie private Häuser in seiner Nähe, die sie anfänglich als Umkleideräume nutzten. Wegen ihrer Grösse wurden sie als Casinos bezeichnet, als kleine Häuschen. Und sie eigneten sich hervorragend als Liebeshäusschen und Stätten der Geselligkeit ausserhalb der Palazzi. Auch der als Frauenheld in die Geschichte eingegangene Schriftsteller Giacomo Casanova wohnte zeitweise in einem dieser Casinos.


1638 erlaubte die Regierung die Einrichtung eines öffentlichen Casinòs im Palazzo Dandolo, das heute das weltberühmte Fünfsternhotel Danieli beherbergt. Damit war das erste Spielcasino geboren, wo es bald hoch her und zu ging. Es war ein Treffen von Politikern, Mäzenen, Prostituierten, Musikanten und Spielern und sicher waren die Kirchenfürsten nicht fern. Mithin die Summe aller Laster. Noch heute steht das Wort Casino im Italienischen für Bordell, während Casinò die Spielcasinos meint.


Fiodor Dostojewski und Friedrich Schiller. Die grossen Casinos.

Im 19. Jahrhundert entstanden dann die grossen Casinos, die heute noch unser Bild prägen, in Baden-Baden und in Monte Carlo. Baden-Baden war seit der Renaissance als Heilbad bekannt. Den Gästen fehlte jedoch ein attraktives Unterhaltungsangebot und so entstanden in den Wirtshäusern der Umgebung kleine Nebenräume, in denen zuerst unerlaubt, ab 1748 mit Zustimmung des Markgrafen Ludwig Georg das Hasardspiel (Glücksspiel) durchgeführt wurde. Das Spiel fand immer mehr Gäste und wanderte aus den Hinterzimmern in prunkvolle Säle. Die Gewinne erlaubten Steuern für den Markgrafen und machten ihn reich. 1824 eröffnete dann das prächtige Casino, das Baden-Baden zur «Sommerhauptstadt Europas» werden liess, wo sich unter anderem die grossen die russischen Schriftsteller Tolstoi, Gogol, Puschkin, Turgenjew und Dostojewski zusammenfanden und den Roulettetischen nicht fernblieben. Fiodor Dostojewski verfiel dem Spiel und überschuldete sich. In seinem berühmten Roman zeigt er seine Enttäuschung und seinen Hass auf die Macht, die das Spiel über ihn gewann.


Viele reagierten kontrovers auf das Glücksspiel. Nicht alle sahen darin die Leichtigkeit des Daseins, sondern beanstandeten den fehlenden Ernst des Lebens, der dem Glücksspiel innewohnte. Es galt als sittenwidrig und nicht als ernsthafte Beschäftigung.


Eine gewisse moralische Entlastung erhielt das Glücksspiel von unerwarteter Seite. Friedrich Schiller, beschrieb in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» das Spiel als bedeutende identitätsbildende Errungenschaft. Im Spiel würden sich Menschen frei und ohne besonderen Zweck begegnen und nur im Spiel würden die Fähigkeiten der Menschen ganzheitlich hervorgebracht: «Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.»


Bugsy Siegel, Meyer Landsky und Co.

Doch damit nicht genug. Das 20. Jahrhundert schaffte eine neue Casinowelt. Mit dem Bau des Hoover-Damms für die Stromproduktion und der Legalisierung des Glücksspiels war Grundstein für die Casinostadt aller Städte gelegt: Las Vegas. 1941 eröffnete das erste Hotelcasino «El Ranch Vegas» und mit ihm zogen Korruption und Kriminalität in der Stadt ein. In der Prohibition reich geworden, war die amerikanische Mafia ins Schmuggel-, Buchmacher- und Drogenhandelsgeschäft eingestiegen und suchte nach Möglichkeiten das viele Geld zu waschen. Es war die Stunde von Männern wie Bugsy Siegel, Meyer Landsky, Moe Sedway oder David Bergmann, die schon ein Jahr nach dem ersten Casino in Las Vegas auftauchten, Casinos wie das «The Flamingo Hotel» eröffneten und eine unheilvolle Goldgräberstimmung schufen. Bis in die 60erJahre kontrollierte die Cosa-Nostra aus Chicago und Miami die meisten Casinos, während die Bundesbehörden erfolglos gegen Geldwäscherei, Korruption und kriminelle Machenschaften kämpften. Der Ruf der Casinos war dahin.


Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas

Las Vegas ist legalisiert uns zur grössten Entertainment-Stadt der Welt geworden. Noch heute wird Bugsy Siegel zitiert: «Las Vegas turns women into men and men into idiots.». Sie ist die Hauptstadt der Unterhaltung, die Stadt der glitzernden Fassaden und Shows. Nichts ist echt, vieles Fake, überall überdreht und überzeichnet. Die Stadt erschöpft uns durch ihr Licht, den Lärm und die Dynamik des rauschenden Konsums. Und trotzdem fasziniert Las Vegas.


Ernsthafte Menschen, die sich um die Zukunft der Menschheit sorgen, verzweifeln ab diesem schieren Übermut und der unbekümmerten Ausgelassenheit, die uns an jeder Ecke begegnet. Las Vegas ist jenseits dieser Welt, Las Vegas braucht es nicht, würden sie sagen. In ihrer gigantischen Dimension übersteigt die Stadt unser Verständnis für das, was Schiller mit dem Spiel meinte. Und doch, für ein paar Tage eintauchen in diese Welt, durch die Casino treiben und den Ernst des Tages hinter sich lassen. Es ist wie eine Katharsis. Geläutert kehren wir zurück, dankbar für die stabilisierende Normalität, die uns zuhause umgibt.


Und dann kam das Spiel in die Schweiz

Erinnern wir uns an die Spielsalons der 80er und 90er-Jahre und an die Spielautomaten in den Restaurants, wo Menschen stundenlang ihr letztes Geld einwarfen. Es war ein trauriger Anblick, der heftigen Widerstand in der Bevölkerung auslöste. Initiativen wurden ergriffen und Spielsalons verboten. Gleichzeitig wurde die Diskussion um Casinos neu aufgenommen und 1993 wurde das Spielbankenverbot in einer Volksabstimmung aufgehoben. 2002 wurden die ersten Casinos eröffnet. Nach den Erfahrungen mit den Spielsalons galt jetzt ein strenger Spielerschutz.


Casinos haben gelernt und sind in der Schweiz etabliert. Sie haben in den 20 Jahren rund 7,3 Milliarden Franken an die AHV und Öffentlichkeit geleistet und pflegen einen wirkungsvollen Spielerschutz. 2019 haben die Casinos 4,7 Mio. Besuche registriert, was sie zu einem wichtigen Pfeiler des Unterhaltungsangebots macht.


Es wird immer Menschen mit einem problematischen Spielverhalten geben. Genauso, wie andere Menschen Probleme mit Alkohol haben oder der Kaufsucht verfallen. Wir haben die lasterhaften Casinos in Venedig überwunden, genauso wie die unkontrollierten Spiele im 19 Jahrhundert, wo ganze Familien ruiniert wurden. Und nicht zuletzt haben wir den kriminellen Machenschaften in Las Vegas Einhalt geboten. Heute sind die Casinos in der Schweiz ein Ort der Unterhaltung, wo Menschen sich treffen und gemeinsam einen Abend verbringen.


Menschen lieben das Spiel, den Wetteinsatz. Wir spielen Lotto, Monopoly, Samschtigs-Jass oder private Pokerturniere. Viele spielen mit vollem Einsatz und allen Emotionen. Dann sind sie ganz bei sich.


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