Neutral bleiben?
- Marc Baumann
- vor 2 Tagen
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Von Marc Baumann, 5.9.26
Spätabends am Bahnhof Stadelhofen. Die junge Sandra hat sich auf dem Perron von ihren Freundinnen nach einem vergnüglichen Abend verabschiedet. Im Zug findet sie ein leeres Viererabteil und setzt sich ans Fenster. Im Nachbarabteil sitzt ein freundlich aussehendes Paar mittleren Alters. Sandra, die nachts nicht gern allein die S-Bahn benutzt, ist erleichtert.
Im Nachbarabteil sitzen Lea und Thomas. Sie waren im Kino und diskutieren angeregt über Christopher Nolans Odyssee. Thomas ist begeistert von der Darstellung des Odysseus: kein makelloser Held, sondern ein selbstkritischer Zweifler, der auch bereut, mit dem Pferdetrick das göttliche Gesetz der Gastfreundschaft verletzt zu haben.
Sie unterhalten sich angeregt, als der Zug losfährt, den Bahnhof verlässt und in den Tunnel nach Stettbach fährt.
Als die Tür zum Abteil krachend aufgeschlagen wird, schreckt Sandra auf. Drei junge Männer drängen sich hinein, laut quatschend, einer mit einer halbleeren Wodkaflasche in der Hand. Der vorderste fixiert Sandra, dreht sich zu seinen Kumpanen um und erwartet ihre Zustimmung. Sie nicken und alle drängen sich in Sandras Abteil. Mit einem Mal fühlt sich Sandra unangenehm bedrängt. Krampfhaft schaut sie aus dem Fenster – doch da ist nichts als eine dunkle Tunnelwand.
Ihr Sitznachbar legt den Arm um ihre Schulter.
„Hallo, schöne Frau. Du bist wohl auf dem Heimweg und so ganz allein. Da hast du ja Glück gehabt, dass wir da sind.“
Seine Gefährten lachen und stieren sie an. Sandra erschrickt und versucht sich, dem Arm zu entziehen, der sie nur umso stärker festhält. Wie ein Schraubstock. Sie glaubt zu ersticken.
„Lass mich bitte los. Bitte!“
„Warum loslassen, du bist so schön warm und angenehm weich. So richtig zum anschmiegen.“
Sie will aufstehen, aber die Jungs versperren ihren Weg und drücken sie in ihren Sitz zurück. Sie fühlt sich wehrlos. Dann fasst ihr einer an die Brust und die anderen grölen auf. Sandra schreit auf.
Im Nachbarabteil schauen Thomas und Lea entgeistert zu.
„Tu doch was!“, flüstert Lea.
Thomas schüttelt den Kopf. „Was denn? Die sind zu dritt.“
„Dann rufe ich die Polizei.“
Sie zieht ihr Handy hervor.
„Bist du verrückt? Wenn die das merken, sind wir dran.“
„Aber was sollen wir denn tun?“
Thomas sieht sie an. „Nichts.“
„Nichts?“
„Wir sollten sie nicht provozieren. Sonst kassieren wir am Ende auch noch Schläge.“
„Aber wir können doch nicht einfach wegschauen.“
„Doch.“ Seine Stimme ist leise. „Es ist nicht unsere Sache. Wir haben damit gar nichts zu tun und mischen uns nicht ein.“
Lea starrt ihn an.
„Du Feigling.“
„Ich will dich nur beschützen. Wir bleiben neutral.“
Aus dem Nachbarabteil dringt Sandras Stimme. Ein kurzer, erstickter Schrei.
Lea macht einen Schritt zur Tür.
„Wir müssen etwas tun.“
Thomas hält sie am Arm fest. „Nein.“
Der Zug wird langsamer. Die nächste Station.
Thomas steht auf.
„Komm.“
„Wohin?“
„Wir steigen aus und wechseln den Zug.“
Lea sieht ihn ungläubig an.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Sie folgt ihm zur Tür. Bevor sie das Abteil verlässt, dreht sie sich noch einmal um.
Sandra schaut zu ihr herüber.
Ihre Blicke treffen sich.
Lea bleibt einen Augenblick stehen. Sie könnte etwas sagen. Sie könnte die Notbremse ziehen. Sie könnte die Polizei rufen. Irgendetwas.
Doch Thomas wartet bereits auf dem Perron.
Lea steigt aus.
Die Türen schliessen sich. Der Zug fährt weiter.
Lea schaut Thomas an, in ihrem Gesicht steht das Entsetzen geschrieben.
Thomas blickt zurück.
«Das war nicht unsere Sache, es hatte gar nichts mit uns zu tun. Wir dürfen uns nicht in fremde Händel einmischen – wir bleiben neutral.»
Hinter der Scheibe verschwindet Sandras Abteil im Dunkel.



